Es war ein schöner sonniger Tag, dieser 27. Juni 2003, als ich auf dem Sportplatz des SV Telekom Emden stand und erwartungsvoll beobachtete, welche
Jugendlichen sich in diesem Jahr für das Emder 12. Sommertreffen angemeldet haben.
Nun komme ich das 11 Jahr nach Emden, um mit den Jugendlichen 10 Tage zu verleben und immer wieder frage ich mich, „warum machst du das eigentlich?“
Doch auch in diesem Jahr kann ich keine einfache Antwort darauf geben. Es sind zum einen die jungen Menschen, die mit ihren so unterschiedlichen
Besonderheiten, mit ihrer ganz besonderen Ausprägung diese 10 Tage, 10 Tage mit ihren unterschiedlichen Anforderungen, zu meistern suchen.
Es ist das immer wieder kennen lernen dieser besonderen Zielgruppe, der Zielgruppe der so ge-nannten Benachteiligten.
Und immer wieder frage ich mich, was macht sie zu dieser Zielgruppe?
Ihre Persönlichkeit?
Nein, denn in diesen 11 Jahren habe ich sie wie anderen Jugendliche an der Schnittstelle Jugendliche/Erwachsene erfahren.
Ihre Kompetenzen?
Auch hier habe ich erlebt, dass sie viele Kompetenzen haben, die nur darauf warten freigelassen zu werden.
Vielleicht sind es doch nur wir, die Erwachsenen, die Gesellschaft, die Strukturen, die sie zu Benachteiligten machen?
Es ist aber auch das Besondere der Lebens- und Arbeitsgemeinschaft, auf die wir uns hier im Camp – denn ein solches ist es auch – immer wieder neu einlassen.
Die Gruppen waren dabei ihre Zelte aufzuschlagen und sich durch die Anordnung der Zelte eine "Wohnburg" zu gestalten. N. fiel mir auf, weil sie mir,
obgleich kräftig gebaut und rau im Umgangston, sehr verletzlich, sanft und mitfühlend vorkam.
Unsere erste Begegnung viel auch entsprechend kühl aus. Ich begrüßte sie im Gruppenraum des Sportvereins, sie schaute mich kaum merklich an
und drehte sich weg. Gut dachte ich, du brauchst deine Zeit um dich auf mich einzulassen, das ist in Ordnung. Ich hielt nun die von ihr gewählte Distanz
ein und gleichzeitig signalisierte ich ihr Gesprächsbereitschaft und Offenheit. Andere Jugendliche waren da unkomplizierter und bauten sehr schnell eine,
für sie akzeptable Beziehung auf, die für mich ein Zugehen und Miteinander erleichterte.
Meine Begegnungen mit N., und das war das spannende für mich, wurde im Laufe der Zeit immer offener und „näher“. Wenn ich sie sah grüßte
ich und lächelte sie an, suchte ihren Blick. Und sie, sie hielt meinen Blick immer länger und offener aus. Sie fing sogar an mir auf Fragen zu
antworten. Doch ich vermied es ihr eine Gespräch aufzudrängen. Da sie sich nicht für meinen Work-Shop „Internet“ angemeldet hatte, fanden
unsere Begegnungen auch mehr zu den Mahlzeiten, in der Freizeit und während der Betriebsbesuche statt. Das gab mir aber auch die Gelegenheit, sie zu
beobachten.
Und damit kam ich wieder auf meine Frage: Was ist das benachteiligte an ihr?
Ich erlebte eine junge Frau, die interessiert war an ihrem Umfeld. Die sich um ihre Kollegen aus dem Projekt bemühte. Die im Umgang mit ihnen einen
offenen, ehrlichen „Gefühlsumgang“ pflegte und wie mir schien darin auch akzeptiert und anerkannt wurde. Eine junge Frau, die darum bemüht war,
auf Grund ihres Daseins anerkannt zu werden. Gleichzeitig konnte ich beobachten, dass sie Anerkennung, vor allem von den Projektmitarbeitern über ihr
Verhalten, ihre Leistungen bezog.
Es schien so, als ob sie sich mit dieser Art der Anerkennung abgefunden hatte, auch wenn sie eine andere Art der
Akzeptanz und Anerkennung gern gewollt hätte. Dieser Umstand wurde für mich deutlich, als wir beide außerhalb des Camps und irgendwelcher
gemeinsamen Programmpunkten zusammentrafen. Es war wohl auch, im nach herein betrachtet, der Moment, wo wir ein „Zueinander“ aufgebaut haben.
N. war im Work-Shop „Zeitungsgruppe“ und diese Gruppe traf sich zu letzten Absprachen mit einem im Sommertreffen mitarbeitenden Journalisten, in einem Café
in Emden. Es war kurz vor einem Fußballspiel, an dem die Gruppe teilnehmen und darüber journalistisch aufbereitet berichten sollte.
Ich kam in das Café, nur um ein Kaffee zu trinken, die Gruppe saß um einen Tisch im Gespräch vertieft. N. jedoch nicht. Sie saß an einem
anderen Tisch und sah ziemlich gefrustet aus. Ich setzte mich zu ihr an den Tisch, fragte, ob ich sie zu einer Cola oder Kaffee einladen darf, was sie
verneinte. Wir saßen einen Moment schweigend nebeneinander, hörten zum Teil der anderen Gruppe zu und ich versuchte zu erspüren, was sie
veranlasste, sich nicht dazu zu setzen.
Ich tat den ersten Schritt und fragte sie: "Dieser Work-Shop ist nicht dein Ding?" Sie sah mich eine Weile
erstaunt an, nickte dann und sagte mehr zu sich selbst. "Immer muss ich da mitmachen. Keiner meldet sich und dann heißt es N. macht das schon. Und ich
sage nicht nein, aber es stinkt mir." Sie sah mich eine Weile erwartungsvoll an. Evtl. erwartete sie, dass ich sie beschwichtige, sie umzustimmen versuchte,
ihr zu erklären versuche, wie wichtig das alles ist oder ähnliches. Ich tat nichts davon, sah sie nur an mit dem Gefühl: Das ist OK, rede nur
weiter. Und sie redete weiter und sie erzählte mir, wie es sie frustet, dass alle nur was von ihr wollen, dass sie nur gut ist und gesehen wird, wenn
sie angepasst ist, tut was man von ihr Will und sonst keine eigene Meinung hat.
Ich vermittelte ihr, dass mir ihre Meinung, ihre Wünsche wichtig
sind zu hören und fragte sie, was sie denn lieber hätte, wie die anderen sie sehen sollten.
Sie sah mich mit einem mal misstrauisch an und
fragte mich unvermittelt: "Setzt du dich nicht auch zu den anderen?" "Nein, warum sollte ich? Ich finde das, was du mir erzählst wichtiger und möchte
mich mit dir unterhalten", war meine Antwort. Sie stutzte einen Moment, lächelte mich an, ein tiefes lächeln, befreiend, zufrieden und stolz.
Und sie erzählte mir von ihren Eltern und dass sie dort keinen richtigen Zugang fand. Von Freunden, die sie nur benutzen. Von ihrer derzeitigen
Schwangerschaft und dass sie am überlegen ist, ob und wie sie dem Kind später mal das an Zuwendung geben kann, was sie für sich immer gern
gehabt hätte. Und das Erwachsene so egoistisch seinen.
Unser Gespräch wurde plötzlich beendet, da die Gruppe zum Fußballplatz
musste und N. aufforderte mitzugehen. N. stand schnell auf, sah mich nicht an und ging. Es kam mir so vor, als sei es ihr peinlich, was sie mir alles
erzählt hatte und einer evtl. Reaktion von mir aus dem Wege gehen wollte. Vielleicht war da auch die stille Frage: "Kann ich ihr vertrauen? Erzählt
sie das den anderen nun weiter? Was macht sie mit dem was ich ihr alles gesagt habe?"
Dieses Gefühl wurde bestätigte sich, als ich sie am
nächsten Tag sah und sie mir aus dem Wege ging. Ich sorgte jedoch dafür, dass wir uns begegnen, grüßte sie freundlich, fragte nach ihrem
Befinden und blickte sie offen an. Dieses wiederholte sich an weiteren zwei Tagen und dann glaubte sie mir, dass ich weder mit jemanden darüber gesprochen
hatte, noch irgendwelche Schlüsse oder Konsequenzen davon ableite.
Und wieder war ich bei meiner Frage angelangt: "Was ist die Benachteiligung bei
diesen jungen Menschen?" "Ein Vorurteil?" "Eine von dem Schulsystem, der Wirtschaft der Politik gemachte Gruppe von Menschen?"
N. hat mir deutlich gemacht, wie weit sie sich mit mir einlassen will. Ich habe dieses wahrgenommen und mich darauf eingestellt. Ich habe ihr zu verstehen
gegeben, ich akzeptiere dich wie du bist und du bestimmst das Tempo unserer Begegnungen. Und damit bauten wir eine Beziehung auf, die – ich glaube für
uns beide – angenehm war. Wenn ich etwas wollte konnte ich sie fragen, wenn sie etwas wollte fragte sie mich. Ich bemerkte, dass sie anfing sich in meiner
Nähe wohl zu fühlen, es begann etwas Selbstverständliches in unseren Begegnungen hineinzufließen. Und ich glaube, es hat ihr gut getan,
nein, uns beiden gut getan. Immer wieder fanden wir Zeit zu Gesprächen und wenn sie nur ganz kurz waren.
Ich habe sie sehr offen, direkt und ehrlich
erlebt und wünschte mir dieses mehr in meinem Alltag, in meiner Arbeit zu erleben.
Als das Emder Sommertreffen zu Ende war und sich alle verabschiedeten,
bedankte sie sich bei mir mit den Worten: "Es war gut dich hier zu haben. Du warst einfach da. Ich finde das toll. Ich glaube, ich weiß jetzt, dass ich
meinem Kind doch das geben kann, was es an Liebe braucht. Danke!"
Ich war erst total sprachlos, nahm sie wortlos in den Arm, bedankte mich auch bei ihr,
für ihr Vertrauen und wünschte ihr und ihrem Kind alles gut.
Ursula Hellweg
© 2008 Ursula Hellweg ¦ LAK Berufsnot · Engelbosteler Damm 72 · 30167 Hannover